• Nukleare Impressionen

    eine fotografische Reise in die Todeszone von Tschernobyl!

Michaela Vondruska veranstaltete am 18. März, im Zuge der Gumpoldskirchner Kulturtage ins Bergerhaus (Gumpoldskirchen), um die Eindrücke Ihrer Reise in die Todeszone von Tschernobyl zu teilen.

Ein Tag in der Todeszone

von Tschernobyl

WERDE TEIL DER GESCHICHTE!

Wir haben Michaela gebeten uns Ihre Geschichte zu erzählen, so können all jene die nicht zum Vortrag kommen konnten, auch von Ihrem Ausflug erfahren.

Viele werden sich fragen, wie kommt man auf die Idee nach Tschernobyl zu reisen.  Im Rahmen meiner Ausbildung in digitaler Fotografie und Bildbearbeitung an der LIK Akademie für Foto und Design in Wien, wurde diese Fotoreise angeboten. Die Institutionsleiterin Ing. Nadja Gusenbauer ist gebürtige Kiewerin und hat so die notwendigen Kontakte  geknüpft und mit dem Lehrgangsleiter Eric Berger eine interessante Fotoreise zusammengestellt. Der Höhepunkt war allemal  der Tag in der Sperrzone von Tschernobyl.

Vorerst möchte ich einmal allen nahebringen, wo liegt Tschernobyl überhaupt und die Zone. Luftlinie von Kiew nach Norden knapp 70km zur Zonengrenze, 100km zur Stadt Tschernobyl, von dort nochmals 5km zur Todeszonengrenze , dann noch 10km zum  Atomreaktor. Zur jetzigen Geisterstadt Prypjat sind es vom AKW nochmals 5km.

Unser Tag begann in Kiew mit einer Kontrolle sämtlicher für diese Reise notwendigen Dokumente. Jeder bekam ein Dosimeter und jeder 2. noch einen Geigerzähler dazu. Wir hatten einen Specialguest auf unserer Tour dabei – Alexej Breus, einen Ingenieur der noch 4 Tage nach dem Unglück im Unglücksreaktor gearbeitet hatte. Er erzählte uns vieles, wie es wirklich gewesen war und wieviel Fehlinformationen verbreitet worden waren und sie hatten stillschweigen gemusst. Trotz der hohen Temperaturen waren wir mit langer Hose, langen Ärmeln, Stutzen, festen Schuhen und Mützen bekleidet. Es sollte so wenig Haut wie möglich frei sein. Da die Fahrstrecke etwas weiter war als die oben angegebenen Luftlinien und die Straßen sehr holprig waren, brauchten wir bis zum ersten Checkpoint Dytyatky  1 ½ Stunden. Dort mussten wir alle aus dem Bus und wurden nochmals einzeln kontrolliert und darauf hingewiesen, bei den Checkpoints nicht zu fotografieren. Man darf in der Zone im Freien nicht essen, trinken und rauchen. Man sollte nichts berühren und nichts auf den Boden stellen. Das Staub aufwühlen und Verlassen der asphaltierten Wege ist untersagt. Spätestens hier hatten  wir uns mit Insektenschutz eingecremt bzw. eingesprüht. Es gab dort unendlich viele Bremsen, nur ca. doppelt so groß wie bei uns. Mit einem mulmigen Gefühl fuhren wir zum nächsten Checkpoint Leliv. Dort beginnt die Todeszone. Vereinzelt piepsten schon die Geigerzähler. Wir fuhren entlang des Flusses Prypjat. Man sah die begonnenen Baustellen für die Reaktortürme 5 und 6. Ein kurzes Stück später tauchte  das Atomkraftwerk mitsamt dem neuen Sarkophag, der zwar fertig ist, aber erst mit allen seinen Spezifika Ende 2018 in Betrieb gehen soll, auf.

Es war ein seltsames Gefühl…

Vor dem AKW warteten bereits unsere Guides. Nochmals gab es Sicherheitsanweisungen, Kontrollen und dann ging es für eine knappe Stunde in den Reaktor. Durch Bunkeranlagen gelangten wir zu einer Garderobe. Dort bekamen wir Schutzschuhe, Kopfbedeckungen, Mäntel sowie Handschuhe und Atemmasken. Wir wurden durch Gänge geführt-vorbei an Schalträumen, Rohrleitungen, Sicherheitsanlagen. Das Licht war schummrig, der Boden teilweise nass; die Fenster sind seit 32 Jahren verschmutzt, man sieht zu den anderen Teilen des Kraftwerks. Alles sieht ziemlich ramponiert aus. An manchen Stellen regnet es in das Gebäude. Wir sollten nicht zu langsam durch den ca. 1km langen „goldenen Korridor“(benannt durch die goldene Färbung der Alupanele), da hier die Strahlung etwas höher wäre.  Wenn die Radioaktivität im AKW zu hoch wird, dann wird der Boden einfach aufgewaschen… sehr beruhigend…. Wir passierten verplombte Türen, Warnschilder und dann erreichten wir die Stelle, wo man in den Reaktor4(Unglücksreaktor) gelangt war vor der Katastrophe. Dort ist jetzt eine Gedenkstätte für einen Helfer, von dem man dort nur mehr seine Handabdrücke im erkalteten Material gefunden hatte – er selbst hatte anderen geholfen und war selbst durch die Radioaktivität umgekommen. Ein wirklich sehr beklemmendes Gefühl. Hinter dem Denkmal ist jetzt eine dicke Mauer und trennt den immer noch strahlenden Unglücksreaktor vom Rest des AKW.  Danach zeigt man uns den Schaltraum von Reaktor 3, einem Äquivalent zum Reaktor 4, wo unser Alexej seinen Dienst verrichtet hatte, bis er vom Dienst suspendiert worden ist, weil sein Strahlenpensum erfüllt gewesen war. Heute wird in Tschernobyl  nur mehr der Strom  für die Ukraine verwaltet und verteilt. Allerdings arbeiten im Sarkophag noch Arbeiter, die an der endgültigen Fertigstellung bzw. bereits mit den Vorbereitungen für den Abbau des Reaktors)beteiligt sind. Diese haben 14 Tage Dienst zu 12 Stunden und dann sind sie zuhause. Bevor wir das AKW verlassen durften, mussten wir durch eine Strahlenkontrolle.  In einem Besucherzentrum wurde uns anhand eines Modells die Katastrophe nochmals erklärt und in einem Video der Bau des 2. Sarkophags veranschaulicht. Das Stahlbetonmonster ist 257m breit, 108m hoch und 150m lang. Finanziert wurde der neue Schutzmantel mit internationaler Unterstützung, die es jedoch nur gab, unter der Voraussetzung das AKW abzuschalten. Vor dem Besucherzentrum gibt es ein Denkmal. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich mich dort fotografieren ließ, denn immerhin brodelt es im Inneren des Kerns noch immer und es kann jederzeit zu einer weiteren Katastrophe kommen….z.B. durch Erdbeben oder menschliches Versagen….

Weiter ging es nach Prypjat. Wieder passierten wir einen Checkpoint. Da viele Stalker sich unerlaubterweise in die Zone schmuggeln, gibt es viele Kontrollen. Auch in Prypjat trafen wir auf Polizisten. Alexej lebte bis 1986 auch in dieser Stadt, welche 1970 für die Arbeiter des Kraftwerkes mit allem Luxus errichtet worden war. Dort lebten ca. 49 000 Menschen(davon ca. 15 000 Kinder), der Altersdurchschnitt war 26 Jahre. 2 Tage nach der Katastrophe wurde die gesamte Stadt mit 1100 Bussen und 2 ½ Stunden evakuiert. Heute erobert sich die Natur alles zurück. Vereinzelt kann man Gasmaskenfinden. Von den einstigen Gebäuden sieht man nicht mehr viel. Es gab organisierte Verwüstungen, um Plünderungen zu vermeiden. Es sah alles sehr verwüstet aus, was mich zunächst irritierte. Erst im Nachhinein erfuhr ich, warum es so aussieht.  Heute ist es gefährlich die Gebäude zu betreten, da sie allesamt vom Verfall bedroht sind. Wind und Wetter haben ihre Zeichen hinterlassen. Wir besichtigten eine Mittelschule, das Kaufhaus, das Gemeindezentrum, den Kulturpalast von außen, wir waren im Stadion, am Rummelplatz, im Schwimmbad, in der Musikschule und im Kino. Das Stadion und der Rummelplatz hätten am 1. Mai 1986 feierlich eröffnet werden sollen. Daraus war nichts geworden und  nun sind es stumme Zeitzeugen. Wo das Fußballfeld war, gedeiht jetzt ein Wäldchen. Es gibt auch Blumen und Apfelbäume sowie blühende Sträucher in der Zone. Verkehrszeichen und Straßenlaternen sowie Busstationen werden von Bäumen überwuchert. Einstige Prachtboulvards sind fast zur Gänze zugewachsen. Als wir dann abfuhren, sahen wir noch einen Fuchs und einen Wolf.

Es war sehr beängstigend…kein Foto kann diese Stimmung transportieren.  Die Gefahr Radioaktivität ist unsichtbar, geruchslos…und lauert überall. Wenn man zu viel davon abbekommt, hat man metallischen Geschmack auf den Lippen und im Mund – nur dann, ist man bereits strahlenkrank. Ein bisschen Angst war schon mein ständiger Begleiter. Das muss man selbst gesehen/gefühlt  haben. Die Geigerzähler piepsten vor sich hin- mal mehr, mal weniger.

Wieder im Bus ging  es weiter nach Kopachi, ca. 7km vom Reaktor,  einem der Orte, die nach der Katastrophe aufgrund der Kontaminierung dem Erdboden gleichgemacht wurden, bis auf die Kindergärten und ein paar Steinhäuser. Wir besichtigten das „Denkmal für die verstorbenen sowjetischen Soldaten in dem Dorf Kopachi“ und den Kindergarten. Das berührte mich emotional am meisten. Ein Schauer lief mir über den Rücken beim Anblick des ehemaligen Schlafsaals mit den kleinen Betten, darunter die Nachttöpfe und im Raum verstreut Spielsachen. Da der Boden dort sehr stark verstrahlt war, verblieben wir dort nur kurz. Was mag aus den Kindern von damals geworden sein? Wieviele haben überlebt? Wenn man das gesehen hat, will man es gar nicht wissen. Die Angaben der Opferzahl der Nuklearkatastrophe gehen weit auseinander…..noch heute kommt jedes 3. Kind in der Ukraine und Weißrussland krank bzw. behindert zur Welt infolge des Unfalles 1986. Es ist so traurig!

Die letzte Station in der Zone war Duga1 – das Radarabhörsystem der ehemaligen UdSSR. Bei der Abzweigung befindet sich ein buntes Buswartehäuschen, welches allerdings nur zur Täuschung gebaut worden war; die Abhörstation war als Kinderferienlager getarnt. Nur so konnte die UdSSR die amerikanischen U-Boote etc. ungestört abhören.

Beeindruckend ist das schon …. wieder ein Checkpoint. Wir passierten vereinsamte Militärtransporter, halbverfallene Häuser mit russischer Propaganda, rostige Verkehrszeichen bevor wir bei der Abhöranlage, „Russian Woodpecker“ ankamen. Kurz davor findet man im Gestrüpp noch Überreste eines alten Zugangskontrollpunktes. Auf sandigen Boden, umringt von Kiefern warnte ein Schild vor Radioaktivität. Die Antennen – da blieb mir der Mund offen stehen – so etwas Gigantisches inmitten der verseuchten Wälder…750m lang, 146m hoch bzw. 90m hoch, die niedrigen Antennen. Über holprige, enge Straßen ging es durch den Wald zurück zu den Kontrollpunkten. Dort musste jeder von uns durch den radioaktiven Scan. Das war sehr aufregend, weil jeder hoffte, dass es bei ihm nicht ausschlagen würde. Glück gehabt, wir konnten alle wieder zurückfahren.

Am Ende des Tages hatten wir etwas weniger Radioaktivität abbekommen, als bei einem Zahnröntgen. Unser Glück war, dass es in der Nacht vor unserem Besuch stark geregnet hatte und daher fast kein (radioaktiver) Staub in der Luft war. Das getragene Gewand entsorgte ich im Hotel. Daheim angekommen wurde der Fotorucksack und die Kamera sowie die Kameragurte gereinigt.

Mein Fazit: eine interessante Reise, die unbeschreibliche Eindrücke und sehr viele Fotos hinterlassen hat…..

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